Fossilien

Pholidocercus hassiacus

Fakten

Deutscher Name

Hessischer Schuppenschwanz

Taxonomie

Säugetiere; Insektenfresser

Benannt durch

von Koenigswald und Storch

Jahr

1983

Erdzeitalter

Eozän

Alter

47 Millionen Jahre

Aussehen Der Hessische Schuppenschwanz Pholidocercus hassiacus ist vom Kopf bis zur Schwanzspitze 35 – 39 cm lang. Hiervon macht der Schwanz 16 – 20 cm aus. Wie sowohl der deutsche, als auch der wissenschaftliche Name verraten, wird der Schwanz dieses Säugetieres von einer Schicht knöcherner Schuppen bedeckt. Die Schuppen überlappen sich wie Dachziegeln auf einem Hausdach. Das Skelett ist das eines auf allen vieren laufenden Generalisten mit wenigen Spezialisierungen. Auch die Zähne weisen keine ungewöhnlichen Spezialisierungen auf. Die Beine waren relativ klein. Die Fingerendglieder sind stark gespalten, was teilweise als Hinweis auf kräftige Krallen interpretiert wird. Das Fell bestand aus groben Borsten. Diese waren nach hinten gerichtet, wie die Weichteilerhaltung einiger Exemplare zeigt. Die Augen waren klein, das Gehirn dagegen groß. Interessant ist noch, dass die Stirnknochen der kurzen Schnauze feine Rinnen und Gruben haben. Dies ist ein Hinweis auf eine verstärkte Blutversorgung. Das kann wiederum bedeutend, dass der Hessische Schuppenschwanz vermutlich eine verstärkte Hornplatte auf der Stirn besaß. Dies wäre entweder beim graben und wühlen nützlich oder Teil eines Abwehrmechanismus gewesen.

Verwandtschaft Der Hessische Schuppenschwanz gehört zu den Amphilemuriden. Dies ist eine Gruppe von kleineren Säugetieren, von welchen lange Zeit nur Zähne gefunden worden waren. Nach und nach wurden immer mehr Erkenntnisse über die Gruppe gewonnen. So konnten 2006 bereits 28 Arten aus Europa und Nordamerika unterschieden werden. Diese wurden den Gattungen Alsaticopithecus, Amphilemur, Echinolestes, Gesneropithex, Macrocranion und Pholidocercus zugeordnet.
Wie der Name verrät, wurden sie zunächst für Primaten gehalten, so bedeutet der Name des im Geiseltal in Ostfalen gefundene Amphilemur „Beinahe ein Lemur“ und der Name des in Buchsweiler im Elsass gefundenen Alsatiopithecus „Affe aus dem Elsass“. Erst später wurde durch die vollständigen Funde in der Grube Messel erkannt, dass es keine Primaten waren. Sie wurden dann in die Insektenfresser (Lipotyphla) eingeordnet, auch wenn dies noch nicht hundertprozentig bestätigt ist. Zu den Insektenfressern gehören die heutigen Igel, Spitzmäuse, Maulwürfe, Schlitzrüssler und Karibischen Spitzmäuse. Innerhalb der Insektenfresser sind, nach derzeitigen Erkenntnissen, die Igel näher mit den Amphilemuriden, als mit ihren nächsten heutigen Verwandten, den Spitzmäusen verwandt.
Die Amphilemuriden lebten von der Paläozän-Eozän-Grenze bis zum Ende des Eozän. Vor etwa 33 Millionen Jahren, mit Beginn des Oligozäns, fielen sie wie viele andere Säugetiere der Grande Coupure zum Opfer. Mit Grande Coupure wird ein Faunenaustausch bezeichnet, bei dem es zu einem kleineren Massenaussterbeereignis kam, aber auch viele neue Tiergruppen alte Formen ersetzten. Die Amphilemuriden und somit auch der Hessische Schuppenschwanz wurden durch die Igel verdrängt. Seitdem besiedeln diese ununterbrochen das Gebiet der deutschsprachigen Länder und sind heute noch mit zwei Arten, dem Braunbrustigel und dem Nördlichen Weißbrustigel, hier vertreten. Ein aus dem Elfenbein des Wollhaarmammuts geschnitzter Igel, der in der Vogelherdhöhle (Württemberg) gefunden wurde gehört auch zur ältesten menschlichen Kunst (neben dem Igel sind auch Elfenbeinfiguren von Wollhaarmammuts, Wildpferden, Steppenbisons und Löwen gefunden worden).

Ernährung Die Fossilien des Hessischen Schuppenschwanzes verraten durch ihr Gebiss, dass dieser ein Allesfresser gewesen ist. Die Backenzähne zeigen, dass es keine sehr harte Beute gewesen sein kann, sondern eher weiche wie Insekten und andere Wirbellose. Mit dem Rasterelektronenmikroskop kann man noch Reste von Pflanzen (wahrscheinlich Fruchtfleisch) und Insekten im Verdauungstrakt erkennen. Mit den kräftigen Hornkrallen und vermutlich auch mit dem hornbewehrten Kopf scharrte der Schuppenschwanz in Laub und Mulch nach Beute. Mit dem stark borstigen Fell, der Hornplatte auf der Stirn und dem Schuppenschwanz war der Hessische Schuppenschwanz P. hassiacus ein wehrhaftes Tier mit vermutlich nur wenigen Fressfeinden. Gleichzeitig zeigt dies aber auch, dass potentielle Fressfeinde vorhanden waren, da ansonsten solche wehrhaften Anpassungen nicht nötig gewesen wären. Er bewegte sich auf allen vieren eher gemächlicher über den Waldboden.

Bildnachweis
Foto: Hessisches Landesmuseum Darmstadt